Freitag, 21. April 2017

DER BRAINBUG - Facebook wird Gedanken lesen

In dieser Woche machte eine Schlagzeile auf sich aufmerksam, die einem Si-Fi und/oder Thriller Schriftsteller vergnügliche Stunden des Tagträumens beschert haben dürfte.

Das Onlineportal heise.de berichtete am 20.04.2017 wie folgt:
Facebook will Menschen direkt mit dem Gehirn schreiben lassen

Facebook will Menschen direkt aus dem Gehirn heraus Worte in Computer schreiben lassen. Das aktuelle Ziel sei, auf 100 Worte pro Minute zu kommen. Dies könne in einigen Jahren erreicht werden.
Und weiter ...
Gedankenüberwachung
Es gehe zugleich auf keinen Fall darum, wahllos Gedanken von Menschen zu lesen. Dazu habe niemand das Recht. ...

Aha, niemand habe das Recht dazu, wahllos Gedanken zu lesen. Auf diese wahrlich interessante Formulierung komme ich weiter unten noch zu sprechen.

Da ich nun einmal keinen Bock darauf habe, einen Thriller zu diesem Thema zu schreiben, begnüge ich mich damit, die Nacherzählung eines erfundenen, typischen Hollywood Movies zu verfassen. Natürlich mit allen Plots und Cliffhangern.

DER BRAINBUG 
(Ich weiß, klingt mehr nach einem B-Movie - aber egal)

Die Geschichte beginnt mit der Forschung an einem Projekt des technischen Gedankenlesens, welches natürlich auf bereits existierende Erfolge im Bereich der Neurotechnologie aufbaut. Im Mittelpunkt der Story steht eine hochbegabte, anfang zwanzigjährige, supersympathische, höchst attraktive und vollbusige Wissenschaftlerin (äußere Reize dürfen ja nicht fehlen) - ihrerseits gebürtige Amerikanerin einer asiatisch-amerikanischen Mutter und eines (natürlich) vollblutpatriotischen Vaters. Geben wir ihr den Namen Prof. Dr. Dr. Susan Backham.

Versteht sich von selbst, dass Susan nicht einzig aus wissenschaftlichem, sondern auch aus persönlichem Antrieb an diesem Projekt arbeitet, da ihr geliebter Vater während seines mit duzenden Orden ausgezeichneten Kriegseinsatzes in Afghanistan in einen teuflischen Hinterhalt der Taliban geriet und infolge des Kampfes seine Zunge verlor. Was für ein Held.
Eine kurze Rückblende von Daddy im Krankenbett folgt.
»Daddy«, sagt Susan, »Ich werde alles dafür tun, dir deine Würde zurückzugeben.«
Daddy hat Tränen in den Augen und sagt: »Gua guji chchchch ua chichachu!«
»Ja, Daddy«, antwortet Susan weinerlich, »Ich liebe dich auch!«
Schnief!!!

Um ihrem Daddy nun also seine Sprache wieder zurückzugeben, forscht sie leidenschaftlich an dem Projekt, mit dessen Hilfe Gedanken sowohl als Text als auch als Sprache technisch am Computer ausgegeben werden können.
Nachdem in den ersten fünf Filmminuten Susans herzergreifende Geschichte runtergerattert wurde, mit sentimentaler Streichmusik unterlegt, sieht man sie nun des Nachts in ihrem dunkelblau beleuchteten Forschungslabor arbeiten. Dieses ist ausgestattet mit unzähligen Großbildschirmen an den Wänden, hierauf zu sehen nichtssagende Wellenmuster und animierter kryptischer Computercode, weiterhin duzende Supersciencegeräte auf den Tischen und leise Piepgeräusche im Hintergrund. Auf einen der Tische schlafend vorn übergebeugt, seine Arme als Kopfkissen genutzt, ihr total überarbeiteter Assistent Steward Miller. Eben die Art von Kollege, der Grund seiner intellektuellen Minderbegabung seine Chefin gleich fünf Mal Intelligenter erscheinen lässt, als sie ohnehin schon ist.
Auf einem großen weißen Ledersessel liegt ein Proband. Aus dessen kahlgeschorenem Kopf führen drei Drähte in einen Computer, welcher die Aufgabe hat, die Hirnströme in Text und Sprache umzuwandeln.
»Na, dann wollen wir mal«, sagt Susan, rückt sich ihre übergroße Brille zurecht, und setzt an zu ihrem tausendsten Versuch.
»Ja«, sagt der Proband, »Ich spüre schon, wie es unter meiner Hirnrinde brutzelt.« Er sendet ihr einen eindeutigen Blick.
Susan lacht herzhaft: »Du Witzbold!«
Drrrr, Brrrr, Grrrr, Knarz, Bruzel, Schsch - die Maschine beginnt aufzuzeichnen.
Die Kamera fährt auf den Bildschirm, die spannungsreiche Musik wird immer lauter, der Cursor blinkt ... blinkt ... blinkt ... blinkt ... blinkt ... blinkt ... blinkt.
Und dann der erste Buchstabe ... B. Gefolgt von einem O, einem A, einem Leerzeichen ... und weiter - w - a - s | f - ü - r | M - ö - r - d - e - r | T - i - t - t - e - n!
Gleich dem Text, so auch die Sprachausgabe. Susan jubelt laut, ihr Kollege Steward erhebt kurz seinen Kopf, guckt verschlafen, streift sich den Schlafsabber von seinem Mund und pennt sofort wieder ein.
Mit einem Stapel an Papieren rennt Susan durch die neonbeleuchteten Gänge der Forschungseinrichtung, stürmt in ihr Büro, greift völlig außer Atem nach dem Telefon, wartet kurz, dann sagt sie: »Marc, wir haben es geschafft!«

Eine Collage im Zeitraffer aus weltweiten Nachrichtensendungen, Fernsehinterviews, Zeitungsberichten und wirtschaftlicher Vermarktung dieser Technologie folgt. Der Zeitraffer verlangsamt sich.
Zehn Jahre später.
Susan, adrett gekleidet, sitzt in einem Fernsehstudio und wartet auf den Beginn ihres Interviews. Im Hintergrund läuft noch der Einspieler zu der Sendung.
Hier kommentiert die Stimme aus dem Off: »Diese Technologie verhalf Brainspeach Global Cooperation zu einer weltweit einzigartigen und monopolgleichen Marktstellung. Diese revolutionäre Technologie setzte neue Maßstäbe zu unserem aller Wohl. In unserem Alltag gleich wie in unserer Geschäftswelt und dem Entertainment. Was vor zehn Jahren mit einer freien Wahlmöglichkeit zur Verwendung der Brainspeach-Technologie begann, mündete nach weiteren sieben Jahren in dessen Unverzichtbarkeit. Über dessen jüngste Weiterentwicklung unterhalten wir uns heute mit der Erfinderin des Brainspeachs, Prof. Dr. Dr. Susan Backham.«
♪♫ Ta ♪♫ tatata ♪♫ taaa ♪♫

Moderatorin, Josephine Cole: »Professor Backham. Brainspeach hat unsere Welt verändert. Tastatur und Maus gehören unlängst der Vergangenheit an und lassen sich allerhöchsten noch in Museen beschauen.«
Susan: »Ja, Josephine. Wie immer in unserer Welt lässt sich technologischer Fortschritt nun einmal nicht aufhalten.«
Josephine: »Sie sagen es. Dennoch mahnen die Kritiker und Menschenrechtsorganisationen an, die jüngste Erweiterung ihrer Technologie würde die Grundrechte der Menschheit auf freie Gedanken unterwandern, ja gar bedrohen. Was sagen sie dazu?«
Susan: »Ich kann derartige Ängste durchaus verstehen und diese nachvollziehen. Aber wie zu allen Zeiten, als neue Technologien in unseren Alltag Einzug erhielten, waren auch dort deren ständiger Begleiter Misstrauen und Sorge vor dem Verlust der individuellen Freiheit. Unbegründet, wie wir heute wissen.«
Josephine: »So auch mit dem jetzt neu angebotenen implantierbaren Brainspeach Mikrochip, der uns rund um die Uhr für den Rest unseres Lebens mit der Computerwelt verbinden wird?«
Susan: »Ja, eine faszinierende Extension. Mit nur einem winzigen Nadelstich wird der Chip ins Gehirn injiziert, worauf hin sich dieser direkt per WLAN mit allen umhergebenden Computern vernetzen kann.«
Josephine: »Die Kritiker hingegen mahnen an, dass trotz des großen Nutzens die Gefahr besteht, dass kriminelle Subjekte die Gehirne der Menschen hacken und so deren Gedanken ausspionieren könnten. Eine Kritik, die sich zuletzt auch an Regierung und die Geheimdienste wendet.«
Susan lacht sympathisch und sagt: »Durchaus stimmen uns solche Meldungen skeptisch. Aber auch nur deswegen, weil die Kritiker diese Technologie noch nicht gänzlich verstehen. Sie sollten sich zunächst einmal mit unseren Studien auseinandersetzen, die sich mit dem menschlichen Willen befassen und wie dieser dazu imstande ist, eine Firewall gegen derartige Angriffe zu entwickeln. Hierzu bieten wir auch extra Schulungskurse an.«
Josephine: »Faszinierend. Dennoch bleiben die Mahnungen im Raum stehen, dass die Regierung mittels höchstrichterlicher Entscheidung aufgrund von Terrorabwehr sowie kriminellem Handeln wie Waffen-, Menschen- und Drogenhandel in die gedanklichen Persönlichkeitsrechte ihrer Bürger eingreifen könnte.«
Susan: »Obgleich ich diese Kritik nachvollziehen kann, sehe ich aber im selben Maße keine Veranlassung dahingehend, sich Sorgen machen zu müssen. Denn niemand hat gemäß unserer Verfassung das Recht dazu, wahllos die Gedanken eines anderen Menschen auszulesen. Auch unsere Regierung nicht. In all unseren Gesetzestexten gibt es nicht einen einzigen Paragraphen, der wen auch immer hierzu ermächtigen täte.«
Bla, bla, bla.
♪♫ Ta ♪♫ tatata ♪♫ taaa ♪♫

Susan verlässt gerade eben das Gebäude des Fernsehsenders, als ein ihr völlig unbekannter Mann auf sie einstürmt, sie bei der Hand nimmt und in eine versteckt dunkle Seitengasse der New-Yorker Hochhausstraßen zerrt.
Mit ängstlicher Stimme, sich fortwährend umschauend, sagt er: »Misses Backham. Sie beobachten mich. Brainspeach Global und die Regierung haben sich verschworen. Gegen die amerikanische Bevölkerung. Nehmen sie das, dann verstehen sie es.«
Susan schaut ungläubig und will ihm gerade eine Frage stellen, da steckt er ihr einen futuristisch ausschauenden USB-Stick zu, fleht noch einmal kurz: »Sie müssen die Menschen warnen«, und eilt davon. Natürlich wird der Mann kurz daraufhin von einem LKW überfahren, blutig zerquetscht und ist mausetod.

Und wie geht die Geschichte nun weiter? Wie immer. Susan findet heraus, dass der Hirnchip über einen Bug verfügt, welcher willentlich vom Boss ihrer Firma und verschworenen Subjekten innerhalb der Regierung installiert wurde. Dieser Bug umgeht kontrolliert und unbemerkt vom User die gedankliche Firewall, so dass hierdurch alle Gedanken, Erinnerungen, Träume und Wünsche des Menschen auslesbar sind - und gar, wenn nötig, in audiovisuelle Formate umgewandelt werden können. Und mehr als dies verfügen die Verschwörer weltweit über riesengroße geheime unterirdische atomkriegssichere Computeranlagen, die sämtliche Gedanken aller Menschen auf der Welt rund um die Uhr abspeichern und in leicht auswertbaren Datenbanken zusammenfassen können. In letzter Sekunde vermag es Susans Assistent Steward ihr von der Existenz dieser geheimen Anlagen zu berichten, da wird er auch schon von seinen Verfolgern grausamst hingerichtet. Obgleich für die Handlung des Films vollkommen unnötig, soll diese Szene dem Zuschauer einen Eindruck davon vermitteln, welch brandgefährliche Gegner Susan hat. Und natürlich darf der einfache dumme Mann wieder mal den aufopferungsvollen Helden spielen.
Aber schlimmer noch als diese Verschwörung ist geplant, dass der Hirnchip nicht nur Gedanken sendet, sondern auch externe Befehle empfangen soll. Derart, dass der User nicht bemerkt, wie dessen Wille manipuliert wird. Das Endziel soll sein, dass die amerikanischen Bürger scheinbar freiwillig einem Gesetz der Regierung zustimmen werden, welches diese uneingeschränkt dazu berechtigen soll, die Gedanken aller Bürger auch auf rechtlicher Basis auslesen zu dürfen, um auf diesem Wege die totale Weltregierung zu erzwingen und alle Menschen zu versklaven. Im selben Zuge erhält Brainspeach Global Cooperation das alleinige Patentrecht sowie Copyright und Nutzungsrecht sämtlicher Gedankenerzeugnisse aller Menschen auf der Welt.
Aber natürlich, keine Bange, vermag es Prof. Dr. Dr. Susan Backham unter dauernder Bedrohung ihres Lebens, zusammen mit ihrem neuen Lover Jack Bauer, diese Verschwörung aufzudecken, die Öffentlichkeit hiervor zu warnen, den vermeintlichen Bug aus dieser Technologie zu entfernen und zuletzt fortdauernden Frieden und Freiheit für die Menschheit zu erringen.
♪♫ Ta ♪♫ tatata ♪♫ taaa ♪♫
Dann aber, in der letzten Filmsequenz, ein Mann mit diabolischem Blick, sitzend in einem dunklen Raum hinter einem großen Schreibtisch und vor einer monströsen Weltkarte, der siegesgewiss grinst und sagt: »Meine Herren, Misses Backham hat uns einen großen Dienst erwiesen. Dank ihres unbeabsichtigten Engagements haben wir unser Ziel erreicht. Mit der Entfernung des Brainbugs hat sie unwissentlich den Hirncode zur individuellen Entfaltung der User blockiert. Morgen schon gehören uns alle Gedanken der Menschheit. Ja, meine Herren, morgen schon werden wir Gott sein!«
♪♫ Ta ♪♫ tatata ♪♫ taaa ♪♫ TUT ♪♫
Ende oder Fortsetzung? Ist mir offengestanden scheißegal, weil eh ein schlechter Film. Wie immer, ausgezeichnet mit wenigstens zehn Oscars.

ABER. Wie immer werden dann künftige Verschwörungstheorien zu diesem Thema gerne mit der Heranziehung derart stumpfsinniger Filme begründet und von all den aufgeklärten Bürgern unserer Welt mitleidsvoll belächelt.

Spinnen wir aber einfach mal den Gedanken weiter, wie er mit dem nicht fiktiven Artikel auf heise.de auf den Weg gebracht wird. Facebook will Menschen direkt aus dem Gehirn heraus Worte in Computer schreiben lassen.

Gehen wir also einmal davon aus, dass wir in wenigen Jahren bereits auf leichtem und kostengünstigem Wege unsere Gedanken an einen Computer übertragen können. Welch ungeahnte Möglichkeiten sich darüber hinaus in noch weiterer Zukunft eröffnen ließen. Computer könnten vollständig per Gedanken gesteuert, Erinnerungen ohne weitere Umstände als Bilder und Filme projiziert und Träume aufgezeichnet werden. Zunächst virtuell auf dem Bildschirm, später als holografische Projektion in den Raum und irgendwann auch als greifbare Realität materialisiert. Ich sehe jetzt schon den einen oder anderen Dreckskerl, der dann gerne mal sein Lieblingspornomodell pimpern täte. Aber egal. So sind halt nun einmal die Weltmenschen.
Doch für welchen Preis?

Heute noch will man uns versichern, dass niemand dazu das Recht habe, unsere Gedanken wahllos lesen zu dürfen. Und ja, das ist auch zutreffend. Derartige Rechte kennen unsere Gesetze auch noch nicht. Weil es hierfür eine Technologie braucht, wie sie erst in den kommenden Jahren entwickelt und dann markttauglich gemacht werden müsste. Wenn es diese Technologie dann aber geben wird, werden nach und nach wie immer die kleinen Hemmschwellen durchbrochen, bis zuletzt kein Computer mehr ohne Hirnchip funktionieren täte - so wie heute bereits mit der allgemein gebräuchlichen Computertechnologie unsere Informations- und Geschäftswelt. Ich bin mir aber sicher, dass wenn es diese Technologien eines Tages geben sollte, dass dann auch der Moment kommen wird, da darüber diskutiert werden wird, inwieweit die persönlichen Gedanken aufgrund neuer Bedrohungsszenarien dem Staat zur Verfügung gestellt werden dürfen oder gar müssen. Es wird hiermit dieselbe Diskussion geführt werden, wie heute mit dem so genannten Lauschangriff und den hiermit verbundenen fadenscheinigen Begründungen - Abwehr und Vorsorge vor Terror und Kriminalität. Hierfür werden auch gerne mal alle unschuldigen Bürger des Landes unter Generalverdacht gestellt. Vor mehr als zwanzig Jahren, als die Internettechnologie noch in ihren Kinderschuhen steckte, wurden derartige Diskussionen über Big Brother in die Akte der Verschwörungstheorien gesteckt. Heute jedoch liegen diese Akten auf den Tischen unserer Bundestagsabgeordneten, um hieraus Gesetze zu formulieren.
Sind wir alle wahrhaft derart naiv, unser heiligstes Eigentum - unsere Gedankenwelt - einem größenwahnsinnigen Spinner wie Marc Zuckerberg anvertrauen zu wollen und ihm zu ermöglichen, diese heiligen Dämme zu brechen? Falls ja, müssten wir auch unser deutsches Liedgut konsequenterweise umdichten, da es dann heißen wird: Die Gedanken waren frei ...!

Wisst ihr was? Fickt euch doch alle!!!